Blauer Montag
Ich weiß gar nicht mehr, wann Hertha das vorletzte Mal ein Montagsspiel bestritten hat. War es etwa das gegen Kaiserslautern? Als mal eben 76.400 Einheimische oder sogar ein paar mehr urplötzlich Lust verspürten, einen Ausflug ins Olympiastadion zu unternehmen?Lang ist’s her, schön war’s. Ich wohnte damals in der Windscheidstraße, nebenan gab es eine Kneipe namens Münchhausen. Die hatte sich irgendwann als Anlaufpunkt für ein paar Herthaner angeboten. Als ich da aufgekreuzt bin an jenem Abend, wurden gerade Wetten abgeschlossen, wie viel Zuschauer gegen den FCK wohl kommen würden. Meine Schätzung lag irgendwo bei Anfang 40.000, das muss so gegen 18 Uhr gewesen sein – ich war schon immer Optimist. Wir wollten gerade aufbrechen, da trudelte der letzte Nachzügler ein, es muss mittlerweile so kurz nach sieben gewesen sein. „Noch schnell einen Zuschauer-Tipp, dann geht’s los.“ Der Kollege war gerade mit der U-Bahn gekommen, war also über die Packdichte der Waggongs im Bilde und fragte scheinheilig, wer denn bislang die höchste Zahl genannt hätte. Er hat dann einfach ein paar Zehner draufgelegt, damit war die Wette gelaufen. Dass es sogar ausverkauft sein würde, darauf hätte mit Sicherheit niemand gewettet.
Es war einer dieser Abende, denen man nachsagt, sie seien magisch. Klingt das pathetisch genug? Oder zu schmalzig? Drauf geschi****! Das 2:0 war jedenfalls beinahe nebensächlich. Ich habe nur noch einen sehr blassen Schimmer, wie das Spiel lief, aber ich weiß noch sehr genau, wie ich immer wieder fasziniert auf die prall gefüllten Ränge gestarrt habe. Ich bin zwischendurch auch immer wieder aus dem Stadion rausgelaufen, habe die endlosen Schlangen vor den Kassen gesehen – und konnte es einfach nicht glauben.
Eine Szene wird mir dabei unvergesslich bleiben. Nämlich die, als kurz vor Anpfiff die Massen aus den Toren der Oberring-Kurven heraus quollen. Die waren normalerweise nicht geöffnet, weil normalerweise kaum mehr als ein paar tausend Unentwegte kamen. Normalerweise. Aber das war nicht mehr normal.
Posted by egmonte on 31 Aug 2010 at 23:38
Ach du liebes Lieschen!
Und das soll 2. Liga sein? Ich hatte mir ein bissel mehr Bewegungsfreiheit versprochen, aber Hertha hat ja nicht nur in seinen Edel-Kader, sondern auch ins Sicherheitspersonal scheinbar exorbitant investiert. Die Stadion-Schupos nahmen es jedenfalls sehr genau, zumindest am Mitgliedereingang / Südtor wurden selbst schwer ergraute Alt-Herthaner auf Waffen, Sprengstoff, Chemikalien und was weiß ich noch alles oberpeinlich genau gefilzt. Der wahre Schock packte mich aber erst nach dem obligaten Klobesuch. Haben die doch tatsächlich doppelt besetzte Treppenposten im sonst so legeren K-Block postiert. Was soll das denn???!!!Schwer nachgelassen hat dagegen die Bierzapf-Belegschaft. Vor Spielbeginn sollten noch schnell fünf Mollen bereitgestellt werden, eigentlich keine allzu herkulesmäßige Aufgabe, aber mit meiner bescheidenen Order waren die Servicekräfte trotzdem komplett überfordert. Die junge Dame an der Kasse wäre vor Hilflosigkeit beinahe in Tränen ausgebrochen. Fünf Bier und eine Cola? Das würde aber etwas dauern. Wie lange? Da hat die Kollegin nur mit den Schultern gezuckt und erklärt, die Zapfanlage sei defekt. Aha. Dann eben ohne Bier, mein Gott, das ist nicht schön, schont aber immerhin die Leber.
Durch das leidige Bierstandpalaver habe ich glatt die erste entscheidende Szene der neuen Spielzeit verpasst. Robby Friendly hatte wohl etwas übermütig in die Trickkiste gegriffen und einen Fallrückzieher versucht. Ging leider nach hinten los, genauer: auf seinen Hinterkopf. Eine Viertelstunde ist er noch über den Platz getorkelt, dann ging nüschte mehr. Als er raus musste, habe ich das erste Mal die Hände überm Kopf zusammenschlagen müssen, zumal wir zu dem Zeitpunkt bereits 0:1 hinten lagen. Man, man, man. Wer sollte uns bloß unseren besten Freund ersetzen?
Posted by egmonte on 21 Aug 2010 at 14:47
Liebe Nicole,
Familiäre Verpflichtungen haben mich diesmal daran gehindert, Herthas Start in die neue Saison livehaftig zu verfolgen. Dankbarerweise übernahm Kumpel Elms kurzfristig TV-Dienst und hielt mich via sms auf dem Laufenden. Währenddessen bin ich mit Opa Norbert, Step-Oma Marianne und Sohnemann durchs Technikmuseum am Gleisdreieck geschlappt. Anschließend Pizza und Pasta beim Italiener. Ich war vor dem Spiel eigentlich relativ unaufgeregt, obwohl wir im Pokal-Blamieren so unerfahren nicht sind. Erst als bei Halbzeit noch immer keine Nachricht eingelaufen war, wurde ich ein wenig zappelig. Traute sich der Bote nicht, die miese Kunde zu übermitteln? Auf mein ungeduldiges Nachkarten ging’s dann aber Schlag auf Schlag. Die Shortmessages lauteten im Einzelnen wie folgt: „0-0. Überlegen, aber nicht zwingend.“ – „1-0 ramos“ – „2-0 friend!“ – „Eine hand am cup!“. Da mein Handy im Lautlos-Modus lief, hat meine Verwandtschaft nix mitbekommen. Ich wollte darauf verzichten, meiner Freude allzu exhibitionistisch Ausdruck zu verleihen, war ja immerhin nur Pfullendorf. Aber mit dem sicheren Gefühl, die zweite Runde (Auslosung nächsten Sonnabend auf Sky) erreicht zu haben, konnte ich den Familienausflug etwas entspannter ausklingen lassen, als es im Falle einer Niederlage gewesen wäre.
Posted by egmonte on 15 Aug 2010 at 13:47
dauert's noch lange??
Noch knapp zwei Wochen, dann kommen die Karten in Pfullendorf erstmals auf den Tisch. Momentan ist alles pure Spökenkiekerei. Ich habe noch keinen Spielzug gesehen, muss blind der Presse und diversen Augenzeugenberichten in den einschlägigen Foren vertrauen, wie es um Herthachen so bestellt ist. Beim 1:2 in Erfurt wurde sogar ein Radio-Livestream angeboten, allerdings war ich, abgesehen vom Ergebnis, hernach auch nicht viel klüger. Auf Ergebnisse sollte man eh nicht allzu viel geben, besonders dann, wenn sie eher dürftig ausfallen, wie zuletzt gegen Hoffenheim II. Immerhin hat Rob Friend getroffen, das hat etwas zur Beruhigung der Nerven beigetragen. Vorwitzige Zeitgeister hatten bereits unappetitliche Parallelen zum abgedankten König Artur gezogen. Das war wahrscheinlich nicht ganz ernst gemeint, aber solche Prophezeiungen neigen mitunter dazu, sich zu verselbständigen. Um mich eines besseren zu belehren, bin ich mal rasch bei YouTube vorbeigesurft und habe mir ein paar Friend-Buden aus seiner Zeit als Fohlen-Kanonier reingezogen. Angeblich brauchte er bei den Borussen auch etwas Anlaufzeit, aber dann hat er es ordentlich klingeln lassen. Darf er bei uns gerne wiederholen. Riiing, Riiiiing, Riiiiiing….!!!!Als sehr spezieller Fall stellt sich immer mehr Sportkamerad Ronny heraus. Im letzten Beitrag hatte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit Ernschtl Ogris konstatiert, der vermeintliche Edel-Ösi aus grauer Vorzeit, die sich auf eine gewisse Plumpheit der physischen Erscheinung bezog. E. Ogris brachte es damals zu einer Art Publikumsliebling, allerdings nicht bei allen 8017 Durchschnittsbesuchern und auch nur, weil es ansonsten nicht viel zu lachen gab. Jetzt war sogar zu lesen, Markus Babbel wolle Ronny fit für die Selecao machen. Bis zum Start der deutschen 2. Liga reicht es dagegen eher nicht, obwohl er fußballerisch angeblich das erforderliche Rüstzeug mitbringe. Die hierzulande geforderte Robustheit sei ausbaufähig und mit dem Laufen hapere es auch noch ein wenig, wird kolportiert. Ich bin gespannt, ob Babbel das noch vor der Winterpause hinkriegt. Denn dann zieht es die Brasilianer bekanntlich wieder ans heimatliche Gestade und dort lockt Mamas Kochtopf und dann geht womöglich alles wieder von vorne los.
So boulevardesk wird es wahrscheinlich nicht werden. Außerdem soll Ronny ja in erster Linie den Gute-Laune-Onkel für seinen phlegmatischen Bruder spielen. Bin jetzt schon gespannt, welche oralen Verrenkungen der Stadionsprecher veranstaltet, sollten die Brasi-Brüder eines Tages mal gemeinsam ins Olympi einlaufen. RaRaRaffael und RoRoRonny??!!
Posted by egmonte on 1 Aug 2010 at 11:54
Geht das etwa schon wieder lohoos?
Die mausgraue Winter-WM ist abgehakt, das Augenmerk gilt nun wieder dem sonnigen Alltag und der heißt, täterätääääää – Hertha BSC!!!!Vor der Saison ist der Spielplan, und der ist längst raus. Zum Auftakt kommt RWO, was für ein geiler Heimevent. Nur nebenbei: Ganz in der Nähe, in Bottrop, wuchs mein Vater auf. Ein Kind des Ruhrgebiets, aber zum Glück kein Schalker, obwohl das unserer Beziehung vielleicht ganz gut getan hätte. Am ehesten war er noch Gladbacher, aber nur bis in die späten 70er. Im Grunde ist mein alter Herr ein klassischer TV-, Radio- und Zeitungsfußballjunkie. Weiß gar nicht, ob er je im Stadion war – zu Hertha geht er jedenfalls nicht. Bezeichnenderweise bin ich das erste Mal an der Hand meines Onkels zum Olympi gepilgert, mein Vadder hat sich dafür nie hergegeben. Später hat mich ein Bekannter meiner Mutter mitgenommen, der für irgendeine Publikation geschrieben hat, jedenfalls saß ich auf der Pressetribüne. Unterring, wohlgemerkt. Letztes Saisonspiel 1974/75, gegen den VfL Bochum. Ein Sieg, die Vizemeisterschaft, nur den Jubel am Ende habe ich verpasst, weil der Bekannte sein Auto rechtzeitig vor dem Abpfiff aus illegaler Parkerei entfernen musste, bevor das Muschelkalkoval die blauweiße Meute wieder ausspuckte. Seitdem bin ich auf eigene Faust zu Hertha gegangen. Letzten Montag war ich beim Saisonauftakt im Amateurstadion, erstmals mit meinem eigenen Sohnemann. Der Knabe ist dreieinhalb und wollte nach einer Viertelstunde wieder gehen. Spannender als die versammelten Ballsportler fand er die kleinen Steinchen und Stöckchen auf den Pfaden des Olympiaparks, weshalb unser Aufenthalt sich dann doch etwas hinzog. Fußballspezifisch haben ihn am ehesten noch die brutzelnden Rostbratwürste interessiert, eine habe ich spendiert, nur Senf wollte er nicht. Auf seine Meinung zu Babbel und Co. werde ich noch ein wenig warten müssen. Dafür habe ich mit Erschrecken festgestellt, dass er bei der nächsten WM schon zur Schule geht. Hoffe nur, dass Hertha bis dahin wieder erstklassig spielt. Ein Jahr 2. Liga ist ja schön und gut, aber dann würde es wahrscheinlich nervig werden. Überrascht war ich, dass so viele Neugierige den Weg zum Auftakttraining gefunden hatten. An einem Montag, immerhin. Überhaupt meldet Hertha mehr Eintritte als Austritte. Auch bei HERTHAUNSER blicken wir nicht ohne Verwunderung auf eine rasante Aufwärtsentwicklung bei den Mitgliederzahlen. Aber wie orakelt meine Mutter immer so schön: „Alles hat seinen Sinn, nichts geschieht ohne Grund!“ Das wird bei olle Hertha nicht anders sein. Zu irgendwas muss dieser vermaledeite Abstieg ja auch gut sein.
Posted by egmonte on 11 Jul 2010 at 15:05




